Von GNOME zu Plasma – wenn die PIM-Suite den Desktopwechsel auslöst

GNOME war über viele Jahre der bevorzugte Linux-Desktop. Nicht trotz seiner Reduktion, sondern gerade deswegen. Die Oberfläche beschränkt sich bewusst auf das Wesentliche, wirkt aufgeräumt und folgt einem klaren Bedienkonzept.

Für den täglichen produktiven Einsatz war dabei ein Bereich besonders wichtig: Personal Information Management, kurz PIM. E-Mail, Kalender, Kontakte, Aufgaben und Termineinladungen sind zentrale Arbeitswerkzeuge. Unter GNOME übernimmt diese Rolle traditionell Evolution.

Und genau dort begann die Suche nach einer Alternative.

Evolution: gutes Konzept, wenig Bewegung

Evolution gehört seit vielen Jahren zu den umfassendsten PIM-Anwendungen unter Linux. E-Mail, Kalender, Kontakte und Aufgaben befinden sich unter einer gemeinsamen Oberfläche. IMAP, CalDAV und CardDAV lassen sich ebenso einbinden wie verschiedene Groupware-Lösungen. Das Konzept passt hervorragend zu GNOME: Eine Anwendung deckt den gesamten Bereich ab und integriert sich sauber in den Desktop.

Das funktionierte lange gut. Das Problem war weniger das Vorhandene als die Entwicklung darüber hinaus. Evolution machte über die Jahre den Eindruck, sich nur noch vergleichsweise langsam weiterzuentwickeln. Die Anwendung funktioniert, wirkt in einigen Bereichen aber zunehmend konservativ.

Bei gelegentlicher Nutzung von Mail und Kalender muss das kaum stören. Werden mehrere Kalender, Kontakte, Einladungen und Groupware-Funktionen intensiv genutzt, sieht es anders aus.

Die ursprüngliche Frage lautete deshalb noch gar nicht GNOME oder KDE Plasma:

Gibt es unter Linux eine überzeugendere Alternative zu Evolution?

KMail, Kontact und KOrganizer

Damit rückte KDE PIM in den Blick. KDE verfolgt einen anderen Ansatz. KMail kümmert sich um E-Mail, KOrganizer um Kalender und Aufgaben, weitere Komponenten um Kontakte. Kontact führt alles wieder unter einer gemeinsamen Oberfläche zusammen.

Was zunächst unnötig kompliziert klingt, hat einen Vorteil: Die Anwendungen können eigenständig genutzt werden und bleiben trotzdem Teil einer gemeinsamen PIM-Umgebung.

Gerade KOrganizer machte den Vergleich interessant. Mehrere Kalender, unterschiedliche Ansichten, Einladungen und CalDAV-Ressourcen sind Funktionen, bei denen sich eine umfangreiche Kalenderanwendung im Alltag bemerkbar macht. Zusammen mit KMail entstand eine ernsthafte Alternative zu Evolution.

Damit hätte die Geschichte beendet sein können: GNOME behalten und KDE-Anwendungen für PIM verwenden.

Technisch problemlos. Praktisch führte der Vergleich zu einer anderen Frage.

Wenn aus dem Anwendungsvergleich ein Desktopvergleich wird

Wer sich mit KMail, Kontact und KOrganizer beschäftigt, kommt zwangsläufig mit weiteren KDE-Anwendungen in Berührung – und damit mit Plasma.

GNOME und Plasma unterscheiden sich nicht nur durch andere Bedienelemente. Hinter beiden stehen unterschiedliche Vorstellungen davon, wie ein Linux-Desktop funktionieren sollte.

GNOME reduziert Möglichkeiten bewusst und gibt einen weitgehend konsistenten Arbeitsablauf vor. Plasma stellt mehr Möglichkeiten bereit und überlässt stärker dem Anwender, wie daraus der eigene Arbeitsplatz entsteht.

Nach vielen Jahren mit GNOME war genau dieser Unterschied überraschend interessant.

Reduktion oder Konfiguration

GNOME wird häufig dafür kritisiert, bestimmte Funktionen nicht anzubieten. Das greift zu kurz. Viele dieser Entscheidungen sind Absicht. Activities, virtuelle Arbeitsflächen und die Anwendungsübersicht bilden einen klar definierten Workflow. Wer sich darauf einlässt, bekommt einen bemerkenswert ruhigen Arbeitsplatz.

Problematisch wird das erst, wenn der gewünschte Arbeitsablauf davon abweicht. Vieles lässt sich über Extensions ergänzen. Damit entsteht allerdings ein Widerspruch: Ein bewusst reduzierter Desktop wird nachträglich um Funktionen erweitert, die anderswo bereits dazugehören.

Plasma geht den umgekehrten Weg. Kontextmenüs und Systemeinstellungen bieten erheblich mehr Möglichkeiten. Das kann zunächst erschlagen.

Der entscheidende Unterschied liegt darin, wer die Reduktion bestimmt.

Auch Plasma kann sehr aufgeräumt sein. Nicht benötigte Möglichkeiten müssen schlicht nicht genutzt werden. Der Desktop gibt den Arbeitsablauf weniger vor, sondern lässt sich stärker an ihn anpassen.

Dolphin statt Nautilus

Besonders deutlich wird das bei den Dateimanagern.

Nautilus folgt konsequent der GNOME-Philosophie. Die Oberfläche ist übersichtlich und alltägliche Dateioperationen sind schnell erledigt.

Dolphin bietet darüber hinaus geteilte Ansichten, ein integriertes Terminal, umfangreiche Vorschauen, Netzwerkzugriffe und zahlreiche konfigurierbare Ansichten. Vieles davon bleibt unsichtbar, solange es nicht benötigt wird.

Gerade bei Rechnern, die auch für Netzwerkfreigaben, Serveradministration und unterschiedliche lokale Systeme genutzt werden, macht sich dieser Unterschied bemerkbar.

Ähnlich sieht es beim Desktop selbst aus. Plasma bietet mit Startmenü, Taskleiste und laufenden Anwendungen zunächst einen klassischen Arbeitsplatz. Virtuelle Arbeitsflächen und zahlreiche weitere Möglichkeiten stehen trotzdem zur Verfügung.

Mehr Möglichkeiten haben ihren Preis

Die umfangreichen Systemeinstellungen von Plasma sind Stärke und Schwäche zugleich. Für erstaunlich viele Dinge existiert eine Option. Wer von GNOME kommt, kann sich durchaus fragen, ob einige davon jemals jemand benötigt.

Der Vorteil zeigt sich, sobald eine konkrete Änderung gewünscht wird: Häufig gibt es dafür bereits eine Einstellung, wo unter GNOME eine Extension oder ein zusätzliches Werkzeug erforderlich wäre.

Noch deutlicher zeigt sich die Kehrseite bei KDE PIM.

KMail, KOrganizer und weitere PIM-Anwendungen basieren auf Akonadi. Es verwaltet im Hintergrund unter anderem Mailkonten, Kalender, Adressbücher und DAV-Ressourcen.

Solange alles funktioniert, bleibt Akonadi weitgehend unsichtbar. Wenn etwas nicht funktioniert, kann die Fehlersuche dagegen schnell bei Ressourcen, Agenten, Datenbanken, D-Bus und Protokollmeldungen landen.

Evolution wirkt an dieser Stelle geschlossener. KDE PIM ist flexibler, lässt aber mehr vom technischen Unterbau erkennen, sobald etwas schiefläuft.

Der Wechsel war deshalb keine Entscheidung zwischen einer schlechten und einer guten Lösung, sondern zwischen unterschiedlichen Prioritäten.

Aus dem PIM-Test wird ein Desktopwechsel

Was als Suche nach einer Alternative zu Evolution begann, endete schließlich beim vollständigen Wechsel zu Plasma.

Entscheidend war keine einzelne spektakuläre Funktion. Es war die Summe vieler kleiner Dinge. Dolphin, die klassische Fensterverwaltung, die umfangreichen Einstellungen und die Integration der KDE-Anwendungen ergaben zusammen einen Desktop, der besser zum tatsächlichen Arbeitsablauf passte.

Der Wechsel blieb deshalb nicht auf einem einzelnen Rechner beschränkt. Nach und nach wurden die Arbeitsplätze auf Plasma umgestellt.

Damit hatte eine ziemlich spezielle Frage nach einer Alternative zu Evolution eine unerwartet weitreichende Antwort bekommen.

Debian und Plasma

Besonders stimmig ist die Kombination mit Debian.

Debian liefert ein bewusst konservatives und stabiles Fundament. Plasma sorgt darüber für die Flexibilität des Arbeitsplatzes. Das passt besser zusammen, als es zunächst erscheinen mag.

Damit bleibt sogar ein wesentlicher Gedanke erhalten, der ursprünglich für GNOME gesprochen hatte: Der Rechner soll Werkzeug sein und nicht dauernd Aufmerksamkeit verlangen.

GNOME erreicht dieses Ziel durch bewusste Beschränkung. Debian mit Plasma kombiniert ein ruhiges Basissystem mit einem Desktop, dessen Möglichkeiten dort genutzt werden können, wo sie tatsächlich einen Vorteil bringen.

Nicht besser, sondern passender

Der Wechsel macht GNOME nicht nachträglich zum schlechteren Desktop. Die langjährige Nutzung hatte gute Gründe. GNOME ist konsequent, übersichtlich und angenehm zurückhaltend. Wer sich mit seinem Workflow wohlfühlt, bekommt eine sehr schlüssige Arbeitsumgebung.

Plasma verfolgt einen anderen Ansatz. Es stellt mehr Möglichkeiten bereit und lässt den Desktop stärker an vorhandene Arbeitsabläufe anpassen. Zusammen mit KMail, Kontact, KOrganizer und Dolphin entsteht eine umfangreiche Arbeitsumgebung. Akonadi erinnert gelegentlich daran, dass diese Flexibilität auch zusätzliche Komplexität mitbringt.

Trotzdem fiel die Entscheidung am Ende deutlich aus.

Gesucht wurde lediglich eine bessere PIM-Lösung.

Gefunden wurde ein anderer Desktop.